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22.02.2010, 16:52:41 Uhr


FFR und PRoFI

Knast-Chef: Keine Angst vor Freigängern!


ROTTWEIL, 22. Februar (pm) - Als „Aha-Erlebnis“ bezeichnet Klaus Ossmer, Sprecher von Forum für Rottweil (FFR), ein umfassendes Gespräch mit dem Leiter der Rottweiler Justizvollzugsanstalt (JVA), Matthias Weckerle sowie dem Verwaltungsleiter, Meinrad Neu. In dem rund zweistündigen Informationsgespräch mit Mitgliedern von FFR und der Politischen Rottweiler Frauen Initiative (PRoFI) wurden zahlreiche Themen sachlich erörtert, die im Zusammenhang mit der Planung eines neuen Gefängnisses in Rottweil teilweise emotional und wenig faktenreich diskutiert werden.

Stellen etwa Freigänger eine Gefahr für die Bevölkerung dar? Wie sieht moderner Strafvollzug aus, und wie entwickeln sich Siedlungen nach dem Bau eines Gefängnisses in ihrer Nähe? Diese und andere Fragen brachten die Teilnehmer von FFR und PRoFI zu der Gesprächsrunde ins Rottweiler Landgerichtsgebäude mit, wie die Gruppierung in einer Pressemitteilung schreibt.

Wer eine Straftat begangen hat, muss dafür büßen. Je nach Schwere des Deliktes muss er dafür ins Gefängnis. Doch dort wird er nicht nur eingesperrt, um über sein Vergehen nachzudenken und die Bevölkerung vor ihm zu schützen. „Moderner Strafvollzug soll straffällig gewordene Mitbürger nach der Haft wieder in die Gesellschaft integrieren und die Rückfallquote minimieren“, erläuterte Weckerle. Aber das zu erreichen und einen differenzierten Vollzug durchzuführen, sei nur in Haftanstalten bestimmter Größe möglich. „Nur dort können etwa Werkstätten eingerichtet, die Insassen sinnvoll ausgebildet, beschäftigt und psychologisch sowie medizinisch betreut werden“, führte er weiter aus.

Eine JVA mit 600 Plätzen könne das bieten, und sei im übrigen kein Großgefängnis. Es gebe durchaus Gefängnisse mit 1500 bis 2000 Häftlingsplätzen. Ein häufig angeführtes Argument, durch die Arbeit im Gefängnis gingen vor Ort Arbeitsplätze verloren, entkräftete Weckerle ebenfalls: Die JVA-Werkstätten dienten Unternehmen nur als verlängerte Werkbank für diejenigen Arbeiten, die sie ansonsten in Billiglohnländer etwa nach Tschechien verlagern würden.

Einen breiten Raum nahm das Thema Freigänger ein, das FFR-Stadtrat Bernhard Pahlmann angeschnitten hatte: Weckerle legte bei seinen Erläuterungen dazu Wert auf ein differenziertes Bild und die Feststellung, dass von diesen Menschen keine Gefahr ausgehe: Freigänger seien entweder Straftäter, die nach ihrer Verurteilung ihre Strafe direkt aus der Freiheit heraus antreten. Sie könnten ihren Arbeitsplatz behalten und müssten nur nachts in das Freigängerheim zurück. Mit dem eigentlichen Gefängnis kämen sie gar nicht in Berührung.

Doch normalerweise müssten sich Freigänger ihren Status quasi erdienen, sich dafür qualifizieren. Frühestens 18 Monate vor Beendigung der Haftzeit könnten sie nach aufwändigen medizinischen und psychologischen Untersuchungen tagsüber aus dem Gefängnis. Aber nur, wenn sie eine Arbeitsstelle hätten, um die sie sich zuvor selber bemühen müssten. Und nur für die Zeit der Arbeit dürften sie das Freigängerheim verlassen.

Im übrigen sei der Standort des Freigängerheims nicht direkt an die JVA gebunden. Das Heim liege auf jedem Fall immer außerhalb des eigentlichen Gefängnistraktes; allein schon, um Beschaffungskriminalität vorzubeugen. Es könne also durchaus auch in Rottweil Mitte liegen, erklärte Weckerle. Weiterhin führte er aus, dass Sexualstraftäter und Häftlinge mit Suchtproblematik nicht in den Genuss des Freiganges kämen.

Die Sorge vor Flüchtigen zerstreute sein Kollege Neu mit Fakten aus Rottweil: 1700 Mal beurlaubte die Gefängnisverwaltung in den vergangenen Jahren Häftlinge, davon kehrten alle wieder. Von 1300 Freigängern fanden drei den Weg nach Rottweil nicht zurück. Und unter 3000 Freigängen und Hafturlauben wurde eine Straftat begangen: Fahren ohne Führerschein.

Weckerle stellte zudem fest, dass kein Freigänger jemand anderem den Arbeitsplatz wegnehme. Es gälten die gleichen Löhne im jeweiligen Unternehmen wie für die anderen Angestellten. Zudem hätte der Freigänger auch eine Arbeitsstelle gehabt, wenn er keine Straftat begangen hätte.

Von Pahlmann nach der Siedlungsentwicklung in der Nähe einer JVA gefragt, malte Weckerle ein durchaus positives Bild: „Die Beschäftigten einer JVA haben bei der Wahl ihres Wohnortes ein durchschnittliches Bedürfnis.“ Langfristig bedeute dies, Angestellte und Beamte der JVA ließen sich in Rottweil und seinen Teilorten nieder. Dadurch könne eine zusätzliche Nachfrage nach Grundstücken, Häusern und Wohnungen entstehen.

Letztlich gaben Weckerle und Neu den Vertretern von FFR und PRoFI noch eines mit auf den Weg: Eine neue JVA in Rottweil biete viele Möglichkeiten, mit den Bürgern zusammenzuarbeiten. Und beide betonten ihre Bereitschaft zu weiteren Gesprächen mit allen interessierten Gruppierungen in Rottweil.





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